Es ist tatsächlich geschafft! In der Relegation setzte sich die Mannschaft von Lucien Favre gegen den VfL Bochum verdient durch. Nach dem 1:0 Erfolg im Hinspiel reichte den Borussen ein Remis in Bochum um weiterhin erstklassig bleiben zu dürfen.
Bangen um Reus
Die wichtigste Personalie entschied sich erst kurzfristig. Marco Reus der eine Verletzung aus dem Hinspiel davon trug, konnte tatsächlich spielen. Und das sogar von Beginn an! Schon unmittelbar nach dem Schlusspfiff letzte Woche stand hinter dieser Personalie das mit Abstand größte Fragezeichen. Denn wie wichtig ein Marco Reus für diese Mannschaft ist, ist wohl kein Geheimnis mehr. Tagelang wurde er behandelt. Bis zu sechs Stunden am Tag. Und schließlich stand er sogar in der Startformation.
Ergo begann die Borussia ohne Veränderung das alles entscheidende Spiel an der Castroper Straße. Funkel hingegen musste notgedrungen seine Mannschaft umstellen. Für den gesperrten Kopplin verteidigte Paul Freier rechts in der Viererkette. Die Freier Position nahm Azaouagh ein. Und für Ümit Korkmaz rutschte Zlatko Dedic ins Team und begann auf dem linken Flügel.
Fans und ihr Aberglaube
Ihr kennt das vermutlich. In der Not klammert man sich an jeden noch so kleinen Strohhalm und entwickelt auf einmal einen Aberglauben oder entdeckt einen vermeintlichen Glücksbringer. Bei mir geschah dies mehr “unfreiwillig”. Seit zwei Jahren gehe ich jeden Dienstag mit meinen Freunden in einer Halle Fußball spielen. Und jedes mal trage ich dabei, wie es sich gehört, eines meiner Borussia Trikots. In letzter Zeit kam ich nur noch mit meinem grünen Auswärts Trikot zum Spielen, dass vom “Reus”-Flock geziert wird.
Normalerweise werfe ich danach meine Sportsachen natürlich in die Waschmaschine. Aber vor ein paar Wochen hatte ich vergessen meine Sachen aus der Tasche zu holen. Das war wenige Tage vor dem Spiel gegen die Dortmunder. Wie wir alle wissen, konnte die Borussia aus Mönchengladbach das Spiel mit 1:0 für sich entscheiden. Als ich dann wieder dienstags in die Halle gehen wollte und in meine Tasche blickte, sah ich das ungewaschene Trikot darin liegen. Und es hat Glück gebracht! Da wurde mir klar: Selbst wenn ich in diesem Trikot Sport mache, ich kann es nicht waschen. So begab es sich, dass ich mich gestern in einem seit knapp vier Wochen ungewaschenen Trikot vor den Fernseher setzte und einfach nur hoffte, dass die Saison ein Happy End bereit hält für uns.
Gladbach abwartend
Um 20:30 Uhr pfeift Schiedsrichter Gagelmann die Partie an. Ich bin erstaunlicherweise tief entspannt und mir, warum auch immer, sicher, dass wir das schon schaukeln werden. Es entwickelt sich zunächst das prognostizierte Spiel. Die Borussen stehen kompakt und tief und wollen ihr Heil in Kontern suchen. Die Bochumer spielen das was Otto Rehhagel einst als “kontrollierte Offensive” bezeichnete. Ohne hinten zu große Lücken entstehen zu lassen, versuchen sie sich Torchancen zu erspielen.
Es läuft die dritte Minute. Ecke von rechts für die Bochumer getreten von Paul Freier. Maltritz kommt ungefähr sieben Meter vor dem Tor an den Ball und köpft ihn kraftvoll aufs Tor…..Latte! Die Parallelen zum Hinspiel sind frappierend. Dort köpfte Yahia nach fünf Minuten ebenfalls gegen die Latte. Ich atme ein erstes Mal tief durch. Immernoch sicher, dass die Mannschaft den Klassenerhalt perfekt macht. Und das in 90 Minuten.
Viel Kampf im Mittelfeld
Im Anschluss an diesen ersten Aufreger beruhigt sich das Spiel zunächst. Die Borussen legen nach wie vor ihren Fokus auf die Defensive. Die Bochumer spielen geduldig und versuchen eine gesunde Balance zwischen Offensive und Defensive zu finden. Wohl wissend, dass sie bei einem Treffer der Gladbacher schon drei Tore erzielen müssten. Folglich verlagerte sich das Geschehen vorwiegend ins Mittelfeld. Bei den Gladbachern war immer zu wenig Bewegung zu erkennen und so blieb oft nichts anderes übrig als mit langen Bällen zu operieren, die die Bochumer Defensive aber gut verteidigte. Dies war auch ein Verdienst der Bochumer, die im Mittelfeld durch geschicktes Zustellen der Räume diese langen Bälle immer wieder provozierten.
Hinspielergebnis egalisiert
In der 24. Minute begannen die Borussen eine Kette voller Fehler. Martin Stranzl verlor in der Bochumer Hälfte den Ball an einen Gegenspieler. Die Hausherren trugen den Ball schnell nach vorne zu Aydin. Der Stürmer der Bochumer wurde von Neustädter abgedrängt an das äußere Ende des Strafraums behauptete den Ball aber. Stranzl kann ihm zunächst den Ball vom Fuß spitzeln doch der Ball springt zu Aydin zurück. Dabrowski steht an der Strafraumgrenze frei und kriegt den Ball von Aydin genau in den Fuß gespielt, zieht in den Strafraum, schaut, legt quer und….der Ball ist drin! Havard Nordtveit bekommt den Ball höchst unglücklich gegen das Bein geschossen und der Ball trudelt gegen die Laufrichtung von ter Stegen ins Tor.
Konsterniert sitze ich auf dem Sofa. Fahre mir mit den Händen durch die Haare und fluche immer wieder “Scheisse…”. Ein paar Sekunden später meldet sich der Optimist in mir und sagt: “Noch ist nichts passiert. Die Bochumer haben NUR ausgeglichen. Wenn wir eins machen, dann müssen sie immer noch zwei Tore schießen. Und ein Tor machen, das können wir eigentlich immer!”
Erste Gladbacher Gelegenheit
In der Folgezeit wirkten die Borussen zunächst ein wenig angeknockt und schienen wie ein Boxer durch den Ring zu taumeln. Die Nervosität war den Spielern nun deutlich anzumerken. Immer wieder kam es zu unnötigen Fehlpässen im Spielaufbau. Die Verunsicherung griff um sich. Man fand kein rechtes Mittel um die Defensive der Bochumer in Schwierigkeiten zu bringen. Es fehlte an Durchschlagskraft und Esprit im Spiel nach vorne. Glücklicherweise konnten die Bochumer kein Kapital schlagen aus dem Zustand der Fohlen.
Den nächsten Aufreger lieferte zunächst einmal ein Bochumer Spieler. Marco Reus wollte im Mittelfeld den Ball annehmen als von hinten Ostrzolek mit Anlauf in den Bald-Nationalspieler reinrauschte. Wutentbrannt sprang ich vom Sofa auf: “Das war ein Attentat” und fordere eine Karte für den Bochumer. Gagelmann zeigt gelb. Nach Ansicht der Wiederholung hätte man auch über einen Platzverweis diskutieren können. In den nächsten Minuten fing sich die Borussia allmählich. Auch begünstigt durch die abwartendere Strategie der Bochumer. Bis zur ersten dicken Chance verstrichen knapp 41 Minuten. Im Anschluss an eine Arango-Ecke kommt Idrissou zum Kopfball und wuchtet den Ball wie auf der Gegenseite Maltritz ans Aluminium. “Den hab’ ich schon drin gesehen” sage ich mir. Den Torjubel hatte ich schon auf den Lippen.
Die letzten Minuten vor der Pause gehörten nun den Borussen die diesen Lattentreffer scheinbar als “Hallo-Wach-Effekt” brauchten. Wirklich nennenswerte Chancen sprangen jedoch nicht dabei heraus. Somit ging es mit einem nicht unbedingt unverdienten 1:0 für die Bochumer in die Kabine.
Borussia bemüht
In der Halbzeitpause gab es keine Wechsel, das Spiel wurde mit unverändertem Personal fortgeführt. Die Gladbacher waren nun sichtbar darum bemüht das Spiel offensiver zu gestalten. Allerdings kam es nach wie vor zu einigen Fehlpässen im Spielaufbau. Die erste Chance aus dem Spiel heraus erspielte sich die Borussia nach rund zehn Minuten in Durchgang zwei. Mike Hanke bekommt den Ball im Mittelfeld, legt ins Zentrum ab zu Arango. Dieser versucht den Ball direkt in den Lauf von Idrissou zu chippen, doch ein Bochumer kann zunächst klären. Ostrzolek will den Ball zu Torwart Luthe zurückköpfen. Doch seine Rückgabe ist zu kurz. Reus spritzt dazwischen und bringt den Ball sofort aufs Tor. Parade Luthe, Fallrückzieher Idrissou, Schuss Reus, Tor!
Doch es lag eine klare Abseitsstellung von Reus vor. Aber die Borussen kamen immerhin zur ersten Chance in der zweiten Hälfte. Die nächste Gelegenheit hatten die Fohlen nur wenig später. Nach einer Ecke bringt Reus den Ball hoch und weit auf den zweiten Pfosten. Dort legt Hanke schön per Kopf ab an den Fünfmeterraum zu Idrissou. Dieser kommt zwar an den Ball, köpft ihn aber drüber da er ihn nicht mehr entscheidend drücken konnte.
Der Joker
In den nächsten Minuten verlor das Spiel etwas an Tempo. Das Geschehen spielte sich wieder primär zwischen den Strafräumen ab. Es wurde mehr und mehr ein Spiel von dem man sagen kann: Ein Spiel das von der Spannung lebt. Mit jeder ablaufenden Minute wurde dieses Spiel mehr zu einer Nervenschlacht. Ich hielt es nicht mehr auf dem Sofa aus und verlagerte meinen Platz einige Zentimeter tiefer. Auf dem Boden kauernd, das Trikot halb im Mund hängend hoffte ich auf dieses eine, womöglich entscheidende Tor für unsere Borussia.
Knapp 20 Minuten vor Ende reagierte Lucien Favre und brachte für den erneut glücklosen Idrissou Igor de Camargo ins Spiel. Wohlwollend nahm ich die Einwechslung zur Kenntnis und betete inständig, er möge nochmal so als Joker fungieren wie die Woche zuvor.
Gladbach erhöht die Schlagzahl
Nach einigen Minuten der Ereignislosigkeit übernahm nun wieder die Borussia mehr und mehr die Initiative. Eine abgefälschte Flanke von Juan Arango konnte Luthe gerade noch so eben aus dem Torwinkel fischen und ein Gegentor vereiteln. Die anschließende Ecke brachte wieder der Venezolaner herein. Am kurzen Pfosten verlängerte Hanke mit dem Kopf, Stranzl kommt zum Kopfball trifft aber leider nicht ins Netz sondern nur den Pfosten. Nur eine Minute später: Havard Nordtveit spielt de Camargo an. Der lässt den Ball zu dem startenden Marco Reus prallen. Mit einem Kontakt spielt Reus den Ball zu de Camargo zurück und sprintet in die Gasse. Pass de Camargo, Linksschuss Reus, Tooooor!
“Jaaaaaaaaaaaaa!!! JAAAAAAAAAAAAAAAAA!!” Ich springe wie von der Tarantel gestochen hoch, balle immer wieder die Faust und schreie als ob ich selbst das Tor erzielt hätte. Wahnsinn! Ein doppelter Doppelpass zwischen Reus und de Camargo bringt das ersehnte Tor. Der Jubel kennt keine Grenzen. Sowohl zu Hause vor dem Fernseher als auch im Stadion. Und spätestens jetzt wird deutlich, dass mehr als 4.000 Gladbacher den Weg an die Castroper Straße gefunden haben.
Ja wir schwören Stein und Bein
In der Schlussphase bringen die Borussen das Spiel relativ souverän nach Hause. Man kann förmlich merken, dass das für die Bochumer wohl der entscheidende Schlag ins Kontor war. Die Gastgeber verlieren sich zunehmend in Frustfouls und wirken demoralisiert. Sie hätten noch zwei Tore erzielen müssen um sich den Aufstieg zu sichern. Lucien Favre nimmt in der 84. Minute noch Matchwinner Marco Reus vom Platz, der einmal mehr seinen enormen Stellenwert für die Borussia unter Beweis stellt. Als Gagelmann nach 92 Minuten die Partie abpfeift könnten die Bilder unterschiedlicher nicht sein. Die Bochumer haben trotz großem Kampf und absoluter Leidenschaft den Aufstieg verpasst, es den Borussen aber phasenweise extrem schwer gemacht. Dafür gebührt dem Geschlagenem Respekt!
Auf der anderen Seite des Platzes hat das kaum noch für möglich gehaltene Wunder tatsächlich stattgefunden. Was Lucien Favre aus diesem Team in relativ kurzer Zeit gemacht hat ist sensationell. Bei seinem Dienstantritt Mitte Februar betrug der Abstand zu Platz 16 schon sieben Zähler. Dazu kam die Hypothek der mit Abstand schlechtesten Defensive. Was folgte war eine Serie, eine Aufholjagd, die vermutlich seinesgleichen sucht. Der deutsche Meister wurde geschlagen, der damalige CL-Aspirant Hannover 96 wurde geschlagen. Das nächste Überraschungsteam in Form des SC Freiburg wurde geschlagen und dem HSV trotzte man ein Unentschieden ab.
Im Anschluss an das Spiel feierten die Spieler ausgelassen mit den mitgereisten Fans. Es gab mehrere Wellen und Sprechchöre wie “Wir woll’n den Trainer sehen”. Lucien Favre ließ sich nicht zwei mal bitten und erfüllte den Anhängern diesen Wunsch. Die Spieler wissen um den Anteil des Schweizers und warfen ihn vor Freude mehrere Male durch die Luft. Oder um es mit den Worten von ter Stegen zu formulieren: “Er kam, sah und siegte”. Natürlich erinnerte sich der Fan auch noch an das Versprechen von Dante und somit forderten die Fans den Brasilianer auf, sich seiner Haarpracht zu entledigen.
Dante löste sein Versprechen ein und zeigte sich mit frisch rasiertem Kopf und ohne seine markante Mähne den Borussen Fans. Anschließend fuhr die Mannschaft noch ins heimische Stadion wo knapp 10.000 Zuschauer via Public-Viewing das Spiel verfolgt hatten und man feierte zusammen.
Ich für meinen Teil fühle einfach nur unendliche Erleichterung und zugleich eine gewisse Leere. Nervlich waren die letzten Wochen unglaublich aufreibend. Auch für uns Fans. Es war eine unglaubliche Saison mit vielen negativen Highlights, aber am Ende doch mit einem Happy End. Ich nehme mein Trikot, werfe es in die Waschmaschine,schaue noch die Zusammenfassung des Spiels und schlafe glücklich ein.


Souveräner Sieg in Mainz
Mai 6th, 2012 um 13:40